Alte Heischebräuche im Karneval

Zu Karneval kennen wir heute Karnevalsumzüge, bei denen Kamelle (Süsses) und Strüssjer (kleine Blumensträusse) an die umstehenden Zuschauer verteilt werden. Wir kennen „Karnevalshits“, die sich von Jahr zu Jahr ändern. Jedes Jahr kommen Neue hinzu.

Aber wie wurde Karneval hierzulande früher gefeiert? Und ist da noch etwas von alten Bräuchen, alten Liedern und Musik im Karneval übriggeblieben?

Zur Gewohnheit zu Karneval gehörte in vielen Regionen früher das Umherziehen über Land und das Sammeln von Essen. Das eingesammelte Essen wurde dann abends oder am nächsten Tag bei einem gemeinsamen Fest meist mit Tanz und Musik verzehrt.
Diese sogenannten Heischebräuche, also das Sammeln von Essen mit dem Singen von Liedern oder Spielen von Musik kennen wir unter anderem als Martinssingen an St. Martin.

Besonders gepflegt  wird dieses alte Brauchtum zu Fastnacht heute noch im ländlichen Lousiana in den USA, das  französisch geprägt ist. Dort findet man heute noch auf dem Land die Sitte, dass Menschen in Gruppen und verkleidet umherfahren, singen, tanzen, feiern und dabei von den Bewohnern an der Strecke eine Gabe für ein Festessen am Abend erbitten, zum Beispiel Reis, Kartoffeln oder ein Hühnchen..
Das Lied, das beim Umzug meist gesungen wird, ist der Mardi Gras-Song
( Youtube Video mit Balfa Brothers ).

In Lousiana wird das Festessen als Gumbo gereicht, ein Eintopf, zubereitet aus den gesammelten Lebensmitteln. 

Der Leiter der Gruppe, der Capitaine, trägt einen Stock mit einer weissen Fahne mit sich. Er geht zum Haus der Bewohner und fragt an, ob die Mardi Gras Gesellschaft in das Haus oder auf das Grundstück darf.

Einen Einblick in das Treiben erhält man in den ersten 6 Minuten des Films „Dry Wood“, in denen die Musiker Canray Fontenot und „Bois Sec“ Ardoin mitspielen.

Karneval-muensterland
Heischebrauch zu Karneval im
Münsterland. Die Kinder sammelten
früher auf der „Lütke Fastnacht“
Brezeln und Würste wie hier in den
1930er Jahren im sauerländischen
Fredeburg. Foto: LWL/Grobbel

In Deutschland wurde der Karneval in vielen Gegenden ähnlich zelebriert und wird es teilweise noch heute. Berichtet wird der Brauch aus dem Münsterland und grossen Teilen Westfalens. Auch hier zog man umher und sammelte Wurst, Eier etc. für ein Fest ein. Diese Sitte nannte man „Wurstaufholen“. Schulkinder kamen meist zur „lüttken Fastnacht“, zur Weiberfastnacht, zum Sammeln.

Lieder, die in Westfalen und angrenzenden Regionen zu dieser Gelegenheit gesungen und aufgesagt wurden, kann man hier  auf der Webseite des Volkskundearchivs der volkskundlichen Kommission Westfalen hören:

Lütke, lütke Fastenacht (aus Hagen, Text kann von Seite geladen werden)

Frau, goaht nao Schorsteen da hangt ne lange Worst drin  ( aus Kreis Borken)

‚k hebbe so lang mette Fuckepotte loopen… aus der Region Bad Bentheim an der niederländischen Grenze. Fuckepott oder auch Rummelpott, Brummtopf ist ein meist selbst gebasteltes Geräusch- und Rhytmusinstrument, das zum Karneval und zu Sammel-Umgängen verwendet wurde


Auch aus dem Rheinland wird von Sammelgängen, den Heischegängen, an Karneval berichtet. In Roisdorf, im Vorgebirge, zwischen Köln und Bonn waren die Heischegänge das zentrale Element des Fastnachtsbrauchtums, die hier
„Fuckjagen“ genannt wurden.

Laut Webseite der Heimatfreunde Roisdorf leitet sich der Begriff „Fuckjagen“, der andernorts auch als „Vuhjagen“ bekannt ist, möglicherweise von dem niederländischen „fooi“ (Trinkgeld) ab, also den Gaben, die man während des Zuges durch das Dorf erbettelte.

In einer Volkskunde-Zeitschrift von 1904  (1) wird beschrieben, dass in der Umgegend von Köln die Burschen am Fastnachtstage mit einer Karre an die Häuser des Dorfes fuhren und Lebensmittel zusammenholten, die ihnen meist reichlich gespendet wurden. Davon wurde im Wirtshaus ein Mal veranstaltet. Weil die Sitte zu Ausschreitungen führte, wurde sie verboten.

Auch dort wiedergegeben ist eines der rheinischen Lieder, welches bei solchen Anlässen im Rheinland gesungen wurde:

Huh Fastelovend !
Gävv mer jett vom Brode,
Gäff mer jett vom decke Speck
Dat ich ens korre ( versuche) wi et schmeck !
Setz de Leeder an de Wand,
Schneck de Brodwuesch en de Hand !
Tahs (taste) noh de lange.
Loss de kueten hange !
Tahs en dat Eierfass,
Wäeden öch de Häng nit nahss,
Goht in de Kammer,
Sökt (sucht) uns jätt zosamme,
Vell sall se gevve,
Lang sall se levve!
Obet (übers) Johr en diese Zeck (Zeit)
Soll de Frau im Himmel senn!

Lousiana und  „Old Europe“  waren – zumindest karnevalistisch – also gar nicht so weit voneinander entfernt. Das belegt auch diese Erzählung aus der Eifel :

In dem Buch „Sitten und Sagen, Lieder, Sprüchwörter und Räthsel des Eifler Volkes:“ von 1856  (2)  findet man auf Seite 19 den Bericht, dass in dem Orte Speicher  in der Fastnacht die Burschen verkleidet auf Pferden und Eseln umherritten. Der dabei anwesende Kellermeister gab Jedem zu trinken. Dem Zuge voran ging ein Baiazzo mit einem Besen, um Platz zu machen. Hierauf ritten alle vor den Ort, stiegen ab gaben ihren Reitknechten die Pferde zum Halten und tanzten zusammen unter Begleitung von Musik.

Das Sammeln von Essen zu Karneval ist in einigen Orten der Eifel wohl auch heute noch üblich (3).

Zampern_1

Zampern in Klein Schauen 1955
(Wikimedia Commons)

Umzüge mit dem Einsammeln von Lebensmitteln findet man ebenso noch im Hessischen. Tanzfeste an Karneval mit vorher eingesammeltem Lebensmitteln gibt es in der sorbischen Niederlausitz (4). Dort spricht man dann von  „Zampern“ oder sorbisch „Camprowanje“.

In die Welt des sorbischen Zamperns erhält man eine Einführung auf der Webseite der Gemeinde Schmogrow-Fehrow (5).
„Die Wurzeln des Zampern liegen in vorchristlicher Zeit. Mit magisch-kultischen Elementen wie Lärm, Maskerade, Rutenschlagen und Tanz sollten Dämonen und Gefahren vom Dorf abgewendet werden. Verschiedene Symbolfiguren waren früher in jedem Zampernzug vertreten: Der Bär als Symbol für den abziehenden Winter, der Storch und der Schimmelreiter als Symbole für den Frühling, die zweigesichtige Frau oder die Doppelfigur „Der Tote trägt den Lebenden“. Diese Zampernfiguren sollten die Kräfte der Natur beeinflussen…….. Bis heute hat sich in Schmogrow auch der Brauch erhalten, dass die Zamperer mit Weiden- und Birkenruten ausgestattet sind. Mit diesen „Lebensruten, die die im Frühjahr neu aufsteigenden Lebenskräfte symbolisieren, werden Kinder und Erwachsene berührt.“

Ein schönes Motiv zum Thema „Zampern“ ist auf einer älteren DDR Briefmarke dargestellt, die momentan bei Wikipedia betrachtet werden kann.

 

(1)
Zeitschrift des Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde (1904)S. 120 ff. „Das Einsammeln der gaben zur Fastnachtszeit in Lied und Brauch“von. C. Rademacher

(2)
Sitten und Sagen, Lieder, Sprüchwörter und Räthsel des Eifler Volkes:“ von 1856S. 19

( 3 )
eifeltour.de
http://www.eifeltour.de/index.php/Hintergrund/karneval-in-der-eifel.html

(4)
http://www.multi-deutsch.de/heischegaenge.html

(5)
http://www.schmogrow-fehrow.de/seite/95584/traditionspflege.html